Gesundheitsmarkt.de hat in diesem Jahr erstmals die „Top 40 unter 40 im Gesundheitsmarkt“ ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung werden Führungspersönlichkeiten unter 40 gewürdigt, die die Branche aktiv mitgestalten. Moritz Marl, Geschäftsführer der Prange Gesundheit GmbH, ist einer von ihnen. Im folgenden Interview spricht Moritz Marl über seinen Bezug zur Gesundheitsbranche und seine persönliche Motivation, benennt aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze und äußert sich zu den Themen Technologie, Innovation sowie den Zukunftsaussichten im Gesundheitsmarkt.

Top 40 unter 40 im Gesundheitsmarkt

Moritz Marl – Geschäftsführer der Prange Gesundheit GmbH

„Ein Thema, welches mich aktuell sehr beschäftigt, ist die kürzlich beschlossene Gesundheitsreform und deren Folgen für den ambulanten Sektor. Aus meiner Sicht wird der daraus resultierende Druck die Praxis und insbesondere die Qualität der Patientenversorgung belasten. Es ist nun an uns nachhaltige Wege zu finden um das zu verhindern und trotz neuer Regeln die Qualität aufrecht zu erhalten.“

Branchenbezug & persönliche Motivation

Gesundheitsmarkt: Was war Ihre bisher größte Herausforderung als Führungskraft – und wie haben Sie sie gemeistert?

Moritz Marl: Sich auf dem Land so aufzubauen, dass man über die eigene Region hinaus wahrgenommen wird – und damit als attraktiver Arbeitgeber gilt. Gemeistert haben wir das nicht mit Marketing, sondern mit Substanz und einer anderen Denkweise: Wir bringen Unternehmertum in die ambulante Versorgung und fragen nicht „Das geht nicht, weil …“, sondern „Das geht, wenn …“. Wir haben die Verwaltung professionalisiert und den Teams die Bürokratie abgenommen – und unser Modell bewusst auf junge Ärztinnen und Ärzte zugeschnitten. Rund 80 Prozent der Medizinstudierenden sind heute Frauen; wer an alten Strukturen festhält, sichert die Versorgung der Zukunft nicht. Familienwunsch, Vereinbarkeit von Beruf und Leben, Medizin ohne volles unternehmerisches Risiko – das ist bei uns gelebte Realität, nicht nur Versprechen.

Gesundheitsmarkt: Wie hat sich Ihre Sicht auf Führung im Gesundheitsmarkt seit Ihrem Einstieg verändert?

Moritz Marl: Anfangs habe ich Führung stärker über Zahlen und Strukturen gedacht. Heute weiß ich: Vertrauen ist die eigentliche Währung. Eine Hausarztpraxis im ländlichen Raum ist kein Dienstleister, sondern ein Stück Sicherheit. Führung heißt für mich heute, Bedingungen zu schaffen, unter denen gute Leute gerne arbeiten. Wirtschaftlichkeit ist dabei kein Gegensatz zur Versorgung, sondern ihre Voraussetzung – nur ein gesundes Unternehmen ist in zehn Jahren noch da, wenn jemand einen Termin braucht.

Gesundheitsmarkt: Welches Buch oder welchen Podcast würden Sie jungen Führungskräften im Gesundheitsmarkt empfehlen?

Moritz Marl: Keine klassische Management-Lektüre – man lernt mehr aus echten Geschichten als aus Ratgebern. Ich empfehle „Der letzte Hofgang“, geschrieben von einem unserer ehemaligen Mitarbeiter und basierend auf wahren Erlebnissen aus der Versorgung im Maßregelvollzug und in der Untersuchungshaft in Hamburg. Es erdet und zeigt: Am Ende jeder Entscheidung steht ein Mensch – gerade dort, wo Versorgung schwierig und gesellschaftlich am Rand ist. Mein Rat: weniger über Management lesen, mehr mit den Menschen sprechen, wo Versorgung wirklich passiert.

Herausforderungen & Lösungsansätze

Gesundheitsmarkt: Welche strukturellen Probleme im Gesundheitsmarkt sind Ihrer Meinung nach noch zu wenig im Fokus? 

Moritz Marl: Drei Punkte: Bürokratie als Versorgungskiller – jede Stunde Verwaltung ist verschenkte Versorgung; wir bündeln diese Aufgaben weg von der Behandlung. Die Versorgung der Fläche – wenn der letzte Hausarzt aufhört, verliert eine Region ihren Anker; es braucht Trägermodelle, die junge Ärztinnen und Ärzte ohne volles Risiko aufs Land holen. Und die künstliche Trennung der Sektoren – ein Patient ist nie nur „Hausarztfall“ oder „Reha-Fall“; genau an den Übergängen entscheidet sich die Qualität, und genau dort ist das System schlecht organisiert.

Gesundheitsmarkt: Welche Veränderungen wünschen Sie sich in der Gesundheitsbranche?

Moritz Marl: Dass wir aufhören, Wirtschaftlichkeit und Patientenwohl als Gegensätze zu inszenieren – gute Versorgung muss sich rechnen, sonst ist sie nicht von Dauer. Konkret: eine Vergütung, die sektorenübergreifende Versorgung belohnt statt bestraft; echter Bürokratieabbau statt verschobener Formulare; und eine
Förderpolitik, die die Fläche so ernst nimmt wie die Stadt. Versorgung muss überall tragfähig sein – im Sauerland wie in Hamburg oder Berlin.

Technologie & Innovation

Gesundheitsmarkt: Wie erleben Sie den Einsatz digitaler Tools in Ihrem Unternehmen – eher als Hilfe oder als Belastung?

Moritz Marl: Beides – und das ist der Punkt. Tools helfen, wenn sie Arbeit wegnehmen, und belasten, wenn sie Arbeit hinzufügen. Unsere Messlatte ist klar: Ein Werkzeug muss spürbar Zeit am Patienten zurückgeben, sonst kommt es nicht zum Einsatz. Unsere zentrale Verwaltung lebt davon, dass Abrechnung, Termine und Dokumentation digital sauber laufen – nur so können wir die Praxen entlasten. Die Kunst liegt darin, das Richtige auszuwählen und den Rest wegzulassen.

Gesundheitsmarkt: Welche technologischen Entwicklungen könnten Ihrer Meinung nach den Gesundheitsmarkt wirklich entlasten?

Moritz Marl: Die größte Entlastung kommt nicht von der spektakulärsten, sondern von der unsichtbaren Technologie – allem, was administrative Last automatisiert. Drei Felder: Spracherkennung und automatische Dokumentation, die das ärztliche Gespräch wieder zum Gespräch macht; interoperable Systeme, damit Informationen dem Patienten folgen – vom Hausarzt zur Reha; und hybride Versorgungsmodelle, die Versorgung in die Fläche tragen, ohne dass jemand für jede Frage 40 Kilometer fährt.

Gesundheitsmarkt: KI ist weiterhin ein Buzzword – Welche KI-Lösung würden Sie heute nicht mehr hergeben?

Moritz Marl: Die KI, die im Hintergrund die ärztliche Dokumentation unterstützt – sie gibt unseren Teams täglich Stunden zurück, und unsere Ärztinnen und Ärzte lieben sie. Aber: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. KI erleichtert das Leben extrem, nimmt einem aber nicht die Verantwortung ab. Jedes Ergebnis muss verprobt und geprüft werden – blindes Vertrauen wäre fahrlässig, gerade in der Medizin. KI gehört in den Maschinenraum, die Verantwortung bleibt beim Menschen.

Zukunftsaussichten

Gesundheitsmarkt: Welche Trends werden Ihrer Meinung nach die Branche am stärksten prägen?

Moritz Marl: Der demografische Doppeldruck: mehr ältere, mehrfach erkrankte Patienten treffen auf immer weniger Fachkräfte. Wir können die Versorgung nicht sichern, indem wir mehr Personal in alte Strukturen stecken – das Personal gibt es nicht. Daraus folgt der Rest: Konsolidierung und Vernetzung kleiner Einheiten, die Integration der psychischen Gesundheit in die Regelversorgung und die Verschiebung von der Reparatur zur Prävention, weil sie das System dort entlastet, wo es am teuersten ist.

Gesundheitsmarkt: Welche Entwicklungen im Markt beobachten Sie aktuell mit besonderem Interesse?

Moritz Marl: Wie sich sektorenübergreifende Versorgungsmodelle entwickeln – und ob die Vergütung folgt. Wir bilden bewusst eine ganze Kette ab: vom Hausarzt über Arbeitsmedizin, Physiotherapie und Komplementärmedizin bis zur Reha, zur neuropsychiatrischen Versorgung und bis zur Akutpsychiatrie im tagesklinischen Setting und der Forensik in der Untersuchungshaft. Spannend bleibt außerdem die digitale psychische Gesundheit – riesige Nachfrage, zu langsame klassische Strukturen – und die Nachfolge im ländlichen Raum: Welche Modelle holen junge Ärztinnen und Ärzte wirklich aufs Land?

Gesundheitsmarkt: Was möchten Sie als Führungskraft in den nächsten Jahren aktiv mitgestalten?

Moritz Marl: Beweisen, dass gute Versorgung und wirtschaftliche Tragfähigkeit kein Widerspruch sind – auch in der Fläche, nicht nur in der Stadt. Ich will die Versorgungskette weiter zusammenführen, sodass kein Patient zwischen den Sektoren verlorengeht, und ein Modell weiterentwickeln, das junge Ärztinnen und Ärzte entlastet und Beruf und Familie vereinbar macht – gerade weil rund 80 Prozent der Medizinstudierenden heute Frauen sind. Was mich antreibt, ist Unternehmertum in der ambulanten Versorgung: Ich sagte es bereits: nicht „Das geht nicht, weil …“, sondern „Das geht, wenn …“. Der Patient im Mittelpunkt – wirtschaftlich tragfähig. Hilfreich wird die neue Gesundheitsreform dabei vermutlich nicht werden.


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