Gesundheitsmarkt.de hat in diesem Jahr erstmals die „Top 40 unter 40 im Gesundheitsmarkt“ ausgezeichnet. Mit der Auszeichnung werden Führungspersönlichkeiten unter 40 gewürdigt, die die Branche aktiv mitgestalten. John Victor Lopes, Pflegekommunikator im Gesundheitswesen bei der Katholisches Marienkrankenhaus gGmbH, ist einer von ihnen. Im folgenden Interview spricht John Victor Lopes über seinen Bezug zur Gesundheitsbranche und seine persönliche Motivation, benennt aktuelle Herausforderungen und mögliche Lösungsansätze und äußert sich zu den Themen Technologie, Innovation sowie den Zukunftsaussichten im Gesundheitsmarkt.

Top 40 unter 40 im Gesundheitsmarkt

John Victor Lopes – Pflegekommunikator im Gesundheitswesen Katholisches Marienkrankenhaus gGmbH

Pflege wird oft beschrieben, aber noch zu selten von Pflege selbst erzählt. Genau das möchte ich ändern. Als Pflegekommunikator verbinde ich Pflegepraxis, Öffentlichkeitsarbeit und Recruiting mit dem Ziel, die Profession sichtbarer zu machen. Denn Sichtbarkeit ist keine Nebensache: Sie entscheidet darüber, wie Pflege wahrgenommen wird, ob Menschen sich für den Beruf begeistern und welche Stimme Pflege in unserer Gesellschaft hat. Diese Entwicklung möchte ich in den kommenden Jahren aktiv mitgestalten. 

Branchenbezug & persönliche Motivation

Gesundheitsmarkt: Was war Ihre bisher größte Herausforderung als Führungskraft – und wie haben Sie sie gemeistert?

John Victor Lopes: Die größte Herausforderung war nicht eine bestimmte Situation, sondern ein Übergang. Ich habe über 15 Jahre in der Pflege gearbeitet auf Station, in der Langzeitpflege, in der Ausbildung. Ich war Wohnbereichsleitung, stellvertretende Pflegedienstleitung, habe als regionaler Praxisanleiter die Ausbildung für mehrere Einrichtungen koordiniert. Ich kenne Pflege von der Basis und ich kenne sie aus der Führungsperspektive. Und dann habe ich begonnen, eine Rolle aufzubauen die es so nicht gab. Kein Vorbild, kein Stellenprofil, keine Blaupause. Das war phasenweise einsam. Du arbeitest an etwas das du selbst kaum in Worte fassen kannst und versuchst gleichzeitig andere davon zu überzeugen, dass es notwendig ist. Interne Skepsis, fehlende Strukturen, die Frage ob das wirklich ein eigenständiger Beruf ist oder nur ein Add-on. Was mir geholfen hat: Ergebnisse. Nicht Überzeugungsarbeit Ergebnisse. Wenn die Bewerberzahlen steigen, wenn Azubis sagen sie kennen die Klinik schon aus den Videos, wenn Praxisanleiterinnen berichten dass sie auf der Straße angesprochen werden dann
erledigt sich die Skepsis von selbst. Vertrauen entsteht durch Beweis, nicht durch Erklärung.

Gesundheitsmarkt: Wie hat sich Ihre Sicht auf Führung im Gesundheitsmarkt seit Ihrem Einstieg verändert?

John Victor Lopes: Ich bin nicht als Führungskraft eingestiegen. Ich bin als Altenpfleger eingestiegen. Das ist ein wichtiger Unterschied ,ich bin froh darüber. Die Zeit auf Station, als Wohnbereichsleitung und in der regionalen Ausbildungskoordination hat mir ein Verständnis gegeben das ich heute täglich brauche. Meine Sicht auf Führung hat sich vor allem dadurch verändert, dass ich gemerkt habe wie entscheidend Vertrauen ist und wie selten es wirklich gegeben wird. Kevin Heinrich, mein Pflegedirektor am Marienkrankenhaus, hat mir Freiraum gegeben bevor es Ergebnisse gab und genau das hat die Ergebnisse erst möglich gemacht. Er hat mir von Anfang an gesagt: mach das, ich stehe dahinter, du brauchst keinen Freigabeprozess für jeden Post. Ohne dieses Vertrauen gibt es kein Modell Pflegekommunikator. Das sage ich nicht aus Bescheidenheit, sondern weil ich glaube dass das die Wahrheit über funktionierendes Führen im Gesundheitswesen ist: Es braucht jemanden der Verantwortung abgibt bewusst und mit Haltung. Führung im Gesundheitswesen muss aufhören, primär verwaltend zu denken. Die Herausforderungen sind zu groß um nur zu reagieren.

 

Gesundheitsmarkt: Welches Buch oder welchen Podcast würden Sie jungen Führungskräften im Gesundheitsmarkt empfehlen?

John Victor Lopes: Empfehle keine Bücher über Führung. Ich empfehle Bücher über Menschen. Wer in der Pflege oder im Gesundheitswesen führen will, muss verstehen wie Menschen funktionieren wie sie Entscheidungen treffen, wie sie Vertrauen aufbauen, wie sie sich in Gruppen verhalten. Das ist relevanter als jeder Management-Ratgeber. Und dann würde ich sagen: raus aus der eigenen Branche schauen. Nicht um Methoden zu kopieren, sondern um Perspektive zu gewinnen. Die interessantesten Impulse die ich bekommen habe kamen selten aus der Pflege selbst.

Herausforderungen & Lösungsansätze

Gesundheitsmarkt: Welche strukturellen Probleme im Gesundheitsmarkt sind Ihrer Meinung nach noch zu wenig im Fokus? 

John Victor Lopes: Ganz klar Kommunikation. Das klingt banal, ist es aber nicht. Wir haben in Deutschland ein Gesundheitssystem das in vielen Bereichen wirklich gut ist aber es erzählt sich selbst schlecht. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen, Ausbildungsstätten leisten jeden Tag außergewöhnliches und niemand weiß davon. Nicht weil es niemanden interessiert, sondern weil niemand dafür verantwortlich ist, es zu zeigen. Gleichzeitig haben wir einen strukturellen Fachkräftemangel der sich teilweise daraus speist, dass junge Menschen gar kein realistisches Bild von Pflegeberufen haben. Sie kennen die Klischees, Überlastung, schlechte Bedingungen. Und das stimmt zum Teil. Aber es ist nie das ganze Bild. Wer nicht erzählt was wirklich passiert, überlässt anderen das Erzählen. Und die erzählen oft nicht die Wahrheit.

Gesundheitsmarkt: Welche Veränderungen wünschen Sie sich in der Gesundheitsbranche?

John Victor Lopes: Dass Pflege aufhört, auf Anerkennung zu warten. Das klingt hart ich meine es konstruktiv. Wir reden seit Jahren über Wertschätzung für Pflege. Und gleichzeitig sitzt Pflege selten am Tisch wenn Entscheidungen getroffen werden. Nicht weil niemand sie einladen will sondern weil die Strukturen fehlen und weil Pflege selbst noch lernt, ihre Stimme zu erheben. Ich wünsche mir eine Pflege die kommuniziert. Die ihre eigenen Geschichten erzählt. Die in
Debatten über Gesundheitspolitik, über Klinikstrukturen, über Ausbildung nicht nur Gegenstand ist, sondern Akteurin. Und ich wünsche mir Führungskräfte im Gesundheitswesen die verstehen, dass Kommunikation keine PR-Aufgabe ist, sondern eine Führungsaufgabe.

Technologie & Innovation

Gesundheitsmarkt: Wie erleben Sie den Einsatz digitaler Tools in Ihrem Unternehmen – eher als Hilfe oder als Belastung?

John Victor Lopes: Digitale Tools sind für mich Handwerkszeug ich komme damit täglich in Berührung und kann mir meine Arbeit ohne sie nicht vorstellen. Aber genau deshalb sehe ich auch besonders klar, wo es in der Pflege noch hakt. Digitalisierung in der Pflege muss vor allem eines leisten: Zeit zurückgeben. Nicht neue Oberflächen schaffen, nicht mehr Klicks produzieren sondern dafür sorgen dass Pflegende mehr Zeit am Menschen verbringen und weniger vor dem Bildschirm. Das ist der Maßstab an dem sich jedes Tool messen lassen muss. Wenn ein Dokumentationssystem mehr Zeit kostet als es spart, hat es seinen Job nicht gemacht. Wenn eine App drei Schritte braucht wo einer reichen würde, hat jemand das Problem nicht wirklich verstanden. Ich glaube an digitale
Hilfsmittel in der Pflege aber nur dann wenn sie wirklich von den Menschen her gedacht werden die täglich damit arbeiten. Pflege muss bei der Entwicklung am Tisch sitzen, nicht erst bei der Einführung.

Gesundheitsmarkt: Welche technologischen Entwicklungen könnten Ihrer Meinung nach den Gesundheitsmarkt wirklich entlasten?

John Victor Lopes: Alles was Dokumentation wirklich vereinfacht nicht digitalisiert, sondern vereinfacht. Das ist der größte Hebel in der Pflege. Pflegende verbringen einen erheblichen Teil ihrer Arbeitszeit mit Dokumentation. Wenn KI dabei wirklich helfen würde also nicht mehr Klicks, sondern weniger wäre das eine echte Entlastung. Und dann: Kommunikationstechnologie die Schnittstellen abbaut. Zwischen Stationen, zwischen Einrichtungen, zwischen ambulant und
stationär. Informationen laufen heute noch oft mit dem Patienten auf Papier, im Kopf der Angehörigen, lückenhaft. Das kostet Zeit, Energie und manchmal Lebensqualität.

Gesundheitsmarkt: KI ist weiterhin ein Buzzword – Welche KI-Lösung würden Sie heute nicht mehr hergeben?

John Victor Lopes: KI-gestützte Texthilfe für meine eigene Arbeit. Ich schreibe viel Posts, Konzepte, Berichte. KI hilft mir nicht beim Denken, aber beim Strukturieren und beim ersten Entwurf. Das gibt mir Zeit für das was wirklich meine Arbeit ist. Was ich aber betonen will: KI ersetzt keine Haltung. Sie formuliert nicht meine Überzeugungen. Sie hilft mir, sie schneller auf Papier zu bekommen. Und für die Pflege insgesamt wäre eine KI die Pflegedokumentation wirklich abnimmt nicht nur digitalisiert ein echter Gamechanger.

Zukunftsaussichten

Gesundheitsmarkt: Welche Trends werden Ihrer Meinung nach die Branche am stärksten prägen?

John Victor Lopes: Erstens der demographische Druck er wird alles andere überlagern. Mehr Menschen die Pflege brauchen, weniger die sie leisten können. Alles was wir jetzt tun oder nicht tun, entscheidet wie wir damit umgehen. Zweitens Authentizität als Wettbewerbsfaktor. Einrichtungen die echte Einblicke geben, echte Geschichten erzählen, echte Menschen zeigen die werden Nachwuchs gewinnen. Die die weiter auf Hochglanz setzen, werden verlieren. Drittens neue Berufsbilder. Der Pflegekommunikator ist eines davon. Es wird andere geben. Die Frage ist ob Institutionen bereit sind sie zu schaffen oder ob sie warten bis der Druck sie dazu zwingt.

Gesundheitsmarkt: Welche Entwicklungen im Markt beobachten Sie aktuell mit besonderem Interesse?

John Victor Lopes: Die Debatte um Kommunikation im Krankenhaus wer sie macht, mit welchem Mandat und aus welcher Perspektive. Ich beobachte gerade dass immer mehr Kliniken anfangen sich damit zu beschäftigen. Manche stellen Social-Media-Teams auf. Manche beauftragen Agenturen. Manche schauen
auf das was in Hamburg passiert und fragen: können wir das auch? Was mich dabei beschäftigt ist die Frage ob diese Kommunikation wirklich aus der Profession
heraus passiert oder ob sie nur über die Profession spricht. Das ist kein Qualitätsunterschied zwischen Menschen es ist ein struktureller Unterschied der sich in der Glaubwürdigkeit der Inhalte zeigt. Und Glaubwürdigkeit entscheidet heute darüber ob jemand einen Beruf oder eine Einrichtung überhaupt in Betracht zieht.

Gesundheitsmarkt: Was möchten Sie als Führungskraft in den nächsten Jahren aktiv mitgestalten?

John Victor Lopes: Das Berufsbild Pflegekommunikator. Das ist noch nicht fertig. Es ist beschrieben, es ist belegt, es wird repliziert aber es ist noch nicht institutionalisiert. Keine einheitliche Ausbildung, keine Eingruppierung, keine Stellenbeschreibung die sich überall gleich liest. Daran will ich arbeiten. Nicht alleine das geht nicht alleine, und Kevin Heinrich hat mir gezeigt wie entscheidend die richtige Führungsebene dabei ist. Aber ich kann dazu beitragen, dass das Modell so dokumentiert und so sichtbar wird, dass andere es aufgreifen und weiterentwickeln. Und ich will, dass Pflege in fünf Jahren selbstverständlich kommuniziert. Nicht weil jemand von außen es fordert sondern weil Pflegende verstanden haben, dass ihre Stimme zählt. Und dass sie gehört wird.


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